plus minus gleich

Der Serduk

Er sagt zu mir: „Meine Seele ist verfault und mein Herz zermürbt.“ „Was hast du denn?“, frage ich etwas betroffen.

Er antwortet: „Ich denke oft über das Leben nach, dann wühlt mich das so auf. Erstaunlich merkwürdig ist das, bei Gott. Stell dir vor, ich habe seit über vierzig Jahren nicht ein einziges Mal geweint. Einen Gräuel nach dem anderen habe ich überlebt. Man hängte mich zwischen zwei Tische, fesselte mich an einen Stock, bohrte glühende Zigaretten in das Fleisch meines Hinterns und ich weinte nicht. Mein Vater starb auf dem Höhepunkt seines jungen Lebens. Er war mir teuerer als ich selbst. Er war mein Liebling und ich weinte nicht.

Sie suchten und fanden mich bei einer, als ich gerade in sie eindrang. Meine Kumpels klopften an die Tür. Ich öffnete nicht. Dann gingen sie zu einer kleinen Öffnung am Fensterladen, die sie und ich kannten und teilten mir mit, dass mein Vater gestorben war.

Ich hob kurz meinen Kopf, kehrte zu meinem Opfer zurück, erreichte - keuchend wie ein geiler Seehund - mein Ziel und tröstete sie anschließend kurz. Die Arme konnte kaum glauben, dass sie mir entkommen war. Irritiert begleiteten mich ihre verstörten Blicke, während ihre Finger zittrig nach ihrer Kleidung tappten. Dabei verwechselte sie den Blusenausschnitt mit dem Hosenbund. Ich trank Wasser, nur kaltes Wasser damals. Zigaretten hasste ich wie die Pest. Ja, das verdammte Rauchen.

Ich weinte überhaupt nicht, auch dann nicht, als Sabiha, meine erste Frau, im Sterben lag. Sabiha, für die ich gegen die ganze Welt gekämpft hatte. Sie starb vor meinen Augen als sie meinen Ältesten gebar.

Ich hörte, wie „Ummek Mahsuna“, die Hebamme des Viertels, verzweifelt hinter der geschlossenen Tür des Zimmers, in dem Sabiha lag, nach mir rief. Ich ging hinein. Sie schlug sich mit den blutverschmierten Händen auf ihre Oberschenkel und jammerte. Auf ihrem Bauch lag Sabiha, blass wie eine Zitrone. Ich schaute genauer hin. Das Köpfchen des Babys war schon draußen, seine Farbe bläulich, erstickend. Die kleinen Fingerchen seiner linken Hand sahen aus wie pralle Raupen. Sie berührten das Leinentuch. Die rechte Schulter war noch in seiner Mutter stecken geblieben. Ich kniete nieder und näherte meine Nase Sabihas Mund. „Zieh endlich das Kind raus! Sabiha ist tot, du Hure!“, schrie ich.

Sabiha, meine erste Frau, wurde von allen Frauen beweint und jeder Mann, der sie kannte, weinte um sie, nur ich nicht. Ihr Onkel kam zu mir als sie nach ihrer Waschung aufgebahrt wurde und fragte, ob ich die Koran-Rezitatoren schon bestellt habe, die an ihrem Leichnam lesen sollten. Ich antwortete, dass ich um die Hand ihrer jüngeren Schwester bitten werde. „Das Kind braucht eine Mutter“, fügte ich hinzu. Ungläubig starrte er mich eine zeitlang an, so, als könne er seinen Ohren nicht trauen. Dann erhob er die Hand. Schluchzend schrie er so laut er konnte: „Gott verfluche dich!“

Er zieht tief an seiner Zigarette und als seine Stille mir zu lang erscheint, sage ich:„Aber du hattest ja Recht, Serduk, das Kind brauchte tatsächlich eine Mutter!“ Prompt hört er auf, das flache Streichholzschächtelchen mit dem Zeigefinger auf dem Tisch von Kannte zu Kante zu kippen. Er schaut mich an, sein berühmtes Lächeln zeichnet sich ab und breitet sich über sein ganzes Gesicht aus. Dabei klopft er mir auf die Schulter und schreit mich an: „Gott verfluche dich!“

„Wieso nennt man dich Serduk?“, frage ich. Er spuckt die letzten an seiner Zunge haftenden Tabakkrümel aus und dreht sich vorsichtig um. Als er sicher ist, dass der Kellner ihn nicht sieht, steckt er sich seine selbst gedrehte Zigarette zwischen die Lippen, schließt das linke Auge, fixiert mich mit dem rechten und sagt: „Das ist eine sehr lange Geschichte“. Er bricht in schallendes Gelächter aus. „Hör zu, ich antworte immer, dass man mich so nennt, weil ich ein Gockel war und bin, schlank, drahtig und mutig, ständig auf das Weib lauernd, mich vor nichts fürchtend.“ Wieder zieht er kräftig an seiner kurzen Zigarette, die diesen zweiten Zug nicht zu überleben scheint.

„Aber die Sache ist ganz anders.“ Wieder lacht er. „Die Sache ist, dass ich einen Gockel stahl, als ich noch ein kleines Kind war. Bis zu diesem Zeitpunkt trug ich einen anderen Spitznamen: Ali-Rtal! Ali, weil ich tatsächlich Ali heiße, Und Rtal, weil ich damals so dürr wie ein Olivenbaumzweig war. Vorher hieß ich Mahruk, der Verbrannte, weil meine Mutter einmal stolperte, als sie die heiße Pfanne vom Gaskocher herunterholte und das kochend heiße Öl auf mich schüttete. Damals war ich ein quirliger Welpe, der mit Vorliebe zwischen ihren Füßen herumkrabbelte. Das Öl enthäutete meine Brust, die Haut meiner Achselhöhle war entstellt. Lange hat es gedauert bis ich wieder Unterwäsche tragen konnte, ohne dabei höllische Schmerzen zu leiden.

Diesen hässlichen Spitznamen bin ich endlich losgeworden als die Nachbarskinder meinen Großvater einmal hörten, als er mir lallend hinterher rannte und mich als Bastard-Kücken, Rtal, beschimpfte. Von da an war ich nicht mehr „Mahruk“ sondern „Ali-Rtal“ bis zu dem Gockel-Diebstahl.

Das war in einem Sommer, vermutlich im August und ich wette du kannst dir nicht vorstellen, was die Hitze in diesem Monat in einer Stadt wie Kasserin bedeutet. Die verdammte Hölle, das sage ich dir.

Ich trieb mich herum auf der Suche nach etwas, was ich klauen könnte. Ich muss wohl um die zehn Jahre alt gewesen sein. Wenn damals ein Tag verging, ohne dass ich klauen konnte, hatte ich das Gefühl, ich würde sterben. Ich musste einfach klauen, egal was.

Den einzigen Ring meiner Mutter habe ich geklaut. Das nagelneue Trinkgläser-Set meiner Schwester, den Grundstein ihrer Hausstandsammlung für das zukünftige eigene Heim, wie die Ärmste dachte, habe ich auch geklaut und heimlich verkauft.

Man sagte, ich sei als Dieb geboren, weil ich schon als Säugling alles sammelte, was mir unter die Finger kam, ob Schuhe, schmutzige Kleidung oder leere Flaschen. Alles. Man erzählte, dass ich die Gegenstände anhäufte und sie heimlich unter dem Bett versteckte. Die anderen, die von diesem Versteck natürlich noch nichts wussten, mussten ihre vermissten Sachen bis zum Umfallen suchen, vergeblich.

Einmal, erzählte meine Großmutter, hatte sie einen ihrer goldenen Ohrringe ausgezogen und auf ein Kopfkissen gelegt. Als sie ihren Kopf drehte um den anderen Ohrring auszuziehen, krabbelte ich bereits, den ersten Ohrring in der Hand, von ihr weg. Ich versteckte ihn wie üblich unterm Bett. Sie suchte und suchte bis sie vor Verzweiflung kaum noch atmen konnte. Am Ende schlug sie sich an den Kopf wie eine Wahnsinnige. Als mein Vater an diesem Abend von der Arbeit zurückkam, rief er meine Geschwister einzeln, einen nach dem anderen, zu sich. Er ging mit jedem ins Nebenzimmer, fesselte ihn dort an Hand- und Fußgelenken und ließ erst vom Schlagen ab, wenn sein Opfer in Ohnmacht gefallen war. Den ganzen folgenden Tag heulten meine Geschwister verstört herum, immer wieder ihre Unschuld schwörend.

Meine Großmutter erzählte weiter, dass am nächsten Tag eine Nachbarin zu ihr gekommen war, um sie wegen ihres verschollenen Ohrrings zu trösten. Sie wollte sie zu einer Wahrsagerin bringen, die dafür berühmt war, das Ungewisse zu wissen und „die Nadel im Heuhaufen zu finden“. Diese Nachbarin hatte ein etwa vier oder fünf Monate altes Mädchen, das sie mitbrachte und bäuchlings auf einem Hasir liegend strampeln ließ, während sie mit meiner Großmutter tratschte. Sie beobachtete, wie ich heimlich aus dem Zimmer gegenüber krabbelte. Ihre Blicke folgten mir und sie sah, wie ich einen Ohrring unter das Kinn des Babys legte!

Jahrelang wiederholte meine Großmutter unermüdlich diese Ohrring-Geschichte. Sie erzählte sie wieder und wieder, jedem, ob er sie bereits kannte oder nicht. Bald war ich nicht nur den Kindern unseres Viertels sondern auch denen der entferntesten Teile Kasserins bekannt. Auch die Männer in den Kaffeehäusern sprachen von mir. Meine Großmutter jedoch verfluchte mich bis Gott sie endlich zu sich nahm.

Selbst in ihrem Todeskampf sprach sie nicht von Gott, weder betete sie, noch redete sie das übliche Zeug, was Sterbende normalerweise sagen. Stattdessen beteuerte sie, dass Gott gewiss ihr samt allen Mathluthi-Angehörigen alle Sünden verziehen hätte. Der Grund dieser felsenfesten Überzeugung war ich, der Bastard. Ihre Rechtfertigung lautete, dass Gott durch mich den ganzen Stamm schon genug gestraft hatte.

Sie war eine durchgeknallte Alte, und heute bin ich absolut sicher, dass sie das Übel war, das hinter all den Katastrophen gesteckt hatte, die mir in meinem weiteren Leben widerfuhren. Sie erklärte mich zur Skandalkreatur und bestrafte mich für Dinge, für die ich nichts konnte. Sie beobachtete mich ständig, lauerte um mich und fand erst Ruhe, wenn sie mich auf frischer Tat ertappte, ich etwas angestellt hatte, das sie für schlecht befand. Ja, dann her mit ihren Schlägen, her mit ihrer Spucke, her mit ihrer Chilipaste. Meine Mutter schmierte eigenhändig diese höllische Paste in meine Augen. Mein Bruder Salah band mich ans Bettgestell und meine Großmutter konnte gar nicht genug bekommen, mir ins Gesicht zu spucken. Meine Geschwister schauten zu, während mein Vater sich damit zufrieden gab, ins nächste Kaffeehaus des Viertels zu fliehen.“

„Kindheitserrinerungen sind wahrhaftig etwas merkwürdiges“, bemerkt er, während er eine neue Zigarette dreht. Er spuckt zum zweiten Mal auf den Boden, immer noch auf der Hut vor dem Kellner, diesmal jedoch ohne sich umzudrehen.

Seine Augen rollen in alle Richtungen. Er kann seine Pupillen verstecken, so, dass man denken könnte, er sei ein Wesen mit durchsichtigen Augen. Sein Gesicht ist dünn und ausgelaugt als bestünde es nur aus Haut und Knochen, sein Schnurbart noch immer pechschwarz. Sein Alter ist nicht zu schätzen, aber die Fünfzig hat er sicher überschritten.

Sein Lachen ist einmalig, weder Mensch noch Dschinn kann es nachahmen. Man bekommt weder Zähne noch Zahnfleisch zu sehen und wenn er damit anfängt, muss er nur sein Gegenüber ansehen, um es anzustecken. Dabei vibriert sein Körper wie ein alter Motor. Dieses Lachen kommt aus der Tiefe seiner Kehle. Der Schnurbart zittert und es ist ein Geräusch zu hören, als zische sprudelndes Wasser durch ein winziges Loch; ech....ech... echechech....echchchchch.....

Das ist sein Lachen.

Glossar:

Serduk: tun. Gockel, Hahn

Rtal: tun. Pfund, 500 Gramm

Kasserin: Stadt in Tunesien

Mahruk: der Verbrannte

Hasir: Strohteppich

Dschinn: Geist

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