des Herrn Abdelmagid passt
Mit erschreckend verzerrtem Gesichtsausdruck ruht sein feuriger Blick auf mir. Ich kann nur weiter lachen. Bei jedem Versuch endlich damit aufzuhören, überkommt mich ein neuer Lachkrampf sobald ich seine kleinen Augen betrachte oder seine eingefallenen Wangen, die nicht zu seinem kleinen, runden Gesicht zu gehören scheinen.
„Hören Sie zu, mein Herr! Ich persönlich verstehe dieses Lachen überhaupt nicht. Ich sehe keinerlei Grund dafür!“
Er sieht ein, dass seine Ernsthaftigkeit mein Lachen nur weiter provoziert und fängt selbst an leise zu kichern während er mit seinen geschwollenen Fingern ein Taschentuch unter den Papierbergen auf seinem Schreibtisch sucht. Er setzt seine Erzählung fort, wobei er versucht, seine alte Würde und Entschlossenheit wieder zu erlangen; genau die Würde und Entschlossenheit, die ihn, den kleinen Beamten vom Finanzamt Ost, größer und bedeutender erscheinen lassen.
„Hören Sie zu!“ Sein Gesicht verliert jeden Ausdruck. „Zu diesem Zeitpunkt steckte ich tief in Schwierigkeiten, verstehen Sie? Ich war einsam und erfolglos. Meine Arbeit in der Chemiefabrik Platoxin raubte mir die letzten Nerven. Der Geruch von billigen Farben und Tripanthex durchdrang mein Gehirn und vernichtete die letzten Nervenzellen und Drüsen, die für Gleichgewicht und Glück verantwortlich sind.
Hinzu kam die Blödheit des Herrn Kustermann, meines Scheidungsanwaltes, der mich von Petra, meiner Ex-Frau, befreien sollte. Jedes Mal, wenn ich nach langem Warten endlich sein Büro betreten durfte, stellte er eine gelbe Plastikuhr mitten auf seinen Schreibtisch. Noch bevor ich die Hälfte meines Anliegens geschildert hatte, deutete er mir mit seinem hässlichen Zeigefinger an, dass meine Zeit vorbei sei und vergaß natürlich nicht, mich auf den nächsten anfallenden Betrag vom Vorschuss für die Scheidungskosten aufmerksam zu machen.
An jenem Abend kam ich völlig erschöpft von der Arbeit nach Hause. Damals hatte ich den Auftrag, für die Kontrollabteilung einen Bericht über die Jahresbilanz der Firma, zu verfassen. Ich war voll Groll auf die Welt, die Menschen und auf mich selbst. Dazu kam, dass ich einen riesigen schwarzen Fleck auf meiner braunen Hose entdeckte, der einzigen Hose, die zu meiner grünen Krawatte passte. Diese Krawatte mochte ich besonders gern, weil sie ein Geschenk der Frau meines verstorbenen Freundes Hans Braun war, dem Ex-Stellvertreter des Abteilungsleiters für innere Konflikte. Ich fühlte mich schlecht, wie ein voller Sack verfaulter Kartoffeln.
Sie wissen ja, ich trinke nur gelegentlich ein Gläschen aus besonderem Anlass oder mit einem besonders nahen Freund. An diesem Tag aber überkam mich die Angst vor den nächtlichen Albträumen, die meinen Schlaf zur Tortur machten. Ich beschloss, in die Kneipe im Erdgeschoss des traurigen Hauses zu gehen, in dem ich wohnte.
Es war eine billige Kneipe. Ihr Inhaber, war albanischer oder rumänischer Herkunft. Er nannte sich TARAKAN. Seine Gesichtszüge waren typisch slawisch, seine Nase kurz und scharf wie der Schnabel eines Huhns. Er war berühmt für seinen schlechten Charakter. Jeden zweiten Tag beschäftigte er eine neue Bedienung russischer oder jugoslawischer Herkunft, unzählige so genannte Studentinnen, die in Wahrheit Huren erster Güte waren. TARAKAN suchte sie über Anzeigen in den Tageszeitungen. Er fand sie mühelos. Am ersten Tag behandelte er sie wie Prinzessinnen, übersah ihre Fehler, flüsterte ihnen süße Versprechungen ins Ohr, die sie gespannt hielten wie ein Granatapfel am Ast bei seiner Ernte. Am zweiten Abend schälte er schön ihren Apfel und am dritten Tag entlies er sie nachdem er ihnen den Betrag für alle zerbrochenen Gläser von ihrem Lohn abgezogen hatte. Ich verabscheute ihn ebenso wie seinen schwarzen Hund, den er wie einen Eunuchen rief, während er mit seinem goldenen Armreif spielte: „ …komm her Bläcky…! …sitz Bläcky…! … nimm Bläcky...!“
Sein Hund war tatsächlich ein schwanzloser Eunuch. Stellen Sie sich vor, dieser schmutzige, ekelhafte Hund folgte mir jedes Mal, wenn ich aufs Klo ging, leckte meinen Finger mit seiner von Krankheiten und Bakterien überzogenen Zunge und schnupperte an meiner Hose. Pfui…
Der Herr ist pervers, der Hund ist es auch, und die Bedienung eine Hure. Man sieht ihre schwarze Unterwäsche unter dem weißen durchsichtigen Kleid. Sie vermeidet es nicht, TARAKANs stinkenden, stark behaarten Bauch zu lecken, obwohl sie weiß, dass er sie spätestens in ein paar Tagen entlassen wird.
Die Besucher dieser Kneipe sind Abschaum, der Gipfel der Bedeutungslosigkeit, der Traurigkeit, des Verlorenseins. Stinkende Masse verwesenden Fleisches, die täglich ihren Tod erwartet während sie Bierschaum leckt. Ihre Blicke verfolgen die Wolken am Himmel, wie sie sich sammeln, wie sie sich trennen, mit stillem Blick voll Trauer und Enttäuschung, mit vor Sorge und aus Mangel an frischer Luft geschwollenen Gesichtern. Bei dem Dunst aus billigen Zigaretten. Fünf oder sechs Gestalten bewohnen dasselbe traurige Haus, in dem auch ich wohne. Ich rieche ihren Gestank täglich im Aufzug beim Runtertragen der Mülltüten.
Hans Frank, der Asthmatiker, sitzt seit zwanzig Jahren am selben Tisch, dem letzten Tisch links vor der Küche, gegenüber der Toilette. Nur wenn jemand aus der Herrentoilette kommt, hebt er seinen Blick vom Aschenbecher. Stellen Sie sich vor, diese verpestete Absteige bot eine Damen- und eine Herrentoilette, obwohl ich nie eine Frau dort hineingehen oder herauskommen sah, außer den Bedienungen, die die Toilette gezählte Male vor ihrem Rausschmiss benutzen.
Den mittleren Tisch besetzt Moser, der behauptet, früher Beamter gewesen zu sein. Ich aber bin überzeugt, dass er schon seit seiner Geburt arbeitslos ist. Täglich beginnt er mit dem Öffnen der Kneipe um dreizehn Uhr zu trinken und hört erst damit auf, wenn die Bedienung ihn gegen zwei Uhr rausschmeißt, um noch die Tische abzuwischen und die stinkenden Hintern TARAKANs und seines Hundes zu lecken bevor sie Feierabend hat.
Am Tisch neben dem Eingang sitzt immer Hans Weber. Bei dem reicht es zu wissen, dass er drei volle Jahre in einer Nervenheilanstalt verbracht hatte, bis man erkannte, dass er geistig völlig gesund war, und nur die Möglichkeit freier Kost und Logis nutzte. Er ist ein hässliches Tier mit seinem Riesenbauch; ein Ekel erregender Anblick. Und wenn er einmal aufsteht, bewegt er sich wie eine alte Robbe und lehnt sich dabei an jeden Stuhl und jeden Tisch, der auf seinem Weg liegt. Er schämt sich überhaupt nicht, wenn ihm auf dem Weg zum Klo ein mächtiger Furz entweicht. Hans Frank flüchtig einen düsteren Blick zuzuwerfen, ist alles, wozu er in der Lage ist.
Am Tisch beim Spielautomaten, an dem niemals einer spielt, außer dem Wirt selbst, da sitzt Otter, noch keine vierzig Jahre alt, und immer besoffen. Die blauen Flecken und Kratzer an beiden Armen verraten seinen Dauerrausch. Er sieht niemanden. Er spricht mit niemandem. Gebeugt sitzt er am Tisch, und nur wenn die Bedienung sein leeres Glas gegen ein volles tauscht, sagt er einige unverständliche Worte, bevor er wieder in seine leere Welt abtaucht.
An der Bar sitzt Reiner, guckt ständig in alle Richtungen, verfolgt alles, redet. Obwohl er genau weiß, dass keiner ihm zuhört gibt seine langweiligen Kommentare über Wetter, Fußball und Rentenversicherungsreform ab und erinnert immer auf ordinäre Art daran, das Toilettenpapier zu kontrollieren, bevor man schön sitzt. Pfui. Er ist der Gipfel an Gemeinheit und Ekel. Ein schmutziges Ungeziefer menschlichen Wesens.
Dann ist da noch einer, der Jack der Zigeuner genannt wird, ein wertloser fünfzigjähriger mit Silberohring, voll Stolz auf eine hässliche Frau mit Schlange, die er auf dem rechten Arm trägt und einen Schafskopf auf seinem linken. Neben sich hat er eine schäbige Gitarre liegen, mit der er die anderen nach seiner Laune belästigt. Mit wenig Musikalität gesegnet, zupft und kratzt er an seinem Instrument und wiederholt sich mit krächzender Stimme um die Kneipenatmosphäre mit noch mehr Melancholie und Trostlosigkeit anzufüllen.
Nun, ich ging in diese Kneipe und vermied vor allem neben dem Maultier Reiner zu sitzen. In meinem Zustand wäre ich in der Lage gewesen, ihn mit einem Aschenbecher zu bewerfen, falls er es wagte mich anzusprechen. Es war nicht einfach einen Platz zu finden. Endlich saß ich so, dass ich alles im Spiegel beobachten konnte. So konnten mir ihre Kommentare, die sie hinter meinem Rücken über mich machten, nicht entgehen. Andererseits signalisierte ich so jedem Esel, dass ich nicht ansprechbar war.
Ich trank an dem Abend vier bayerische Pils. Weißbier, was alle tranken, wollte ich nicht. Vier Gläser waren mehr als genug. Mein Kopf fing an sich zu drehen. Ich hatte zum ersten Mal meine Grenze überschritten. Ich raffte mich auf, zu bezahlen und zu gehen, da ich das Gefühl hatte, in der dichten Qualm bald zu ersticken. Genau in dem Moment, als ich gehen wollte, sah ich ihn.
Ich erstarrte. Wie hatte ich ihn übersehen können? Er saß mir direkt gegenüber, wirkte ruhig und respektwürdig. Er strahlte eine ungewöhnliche Würde aus. Er hatte ein schönes Gesicht trotz der Ernsthaftigkeit seines Ausdrucks. Elegant. Ein nobler Herr, wie man ihn sich vorstellt. Jemand, von der Art, die ich nicht mehr für möglich gehalten hätte.
Oh Gott, wie konnte ich ihn übersehen haben? War es mit mir schon so weit gekommen? Vermutlich war er schon da gewesen, als ich kam. Sonst hätte ich bemerkt, dass er hereinkam. Keine Ahnung…!
Ich fühlte mich in der Lage ihn zu begreifen, ihn zu verstehen. Wie von Zauberkraft überfielen mich seine Melancholie und seine Langweile. Ein origineller, ein ehrlicher Mensch. Seine Schultern, sein leicht gebeugter Rücken, seine gepflegten Hände, einfach alles, fehlerlos, einfach alles. Ich bemerkte, dass in seinem Blick nicht weniger Erstaunen lag, als in meinem.
Ich bestellte ein fünftes Pils. Ich, der nie im Leben solche Verwirrung erlebt hatte. Ich sah, wie auch er noch ein Pils bestellte, obwohl auch er kurz vorher hatte gehen wollen. Vielleicht mochte auch er den dickflüssigen Weißbierschaum nicht, so wie ich ihn nicht mochte.
Er verhielt sich genau wie ich, beobachtete mich ebenso verstohlen, wie ich ihn. Auch er wirkte verwirrt und betroffen. Ich spürte, wie unsere Blicke sich trafen, ohne dass wir uns in die Augen sahen. Er war da…! Das Gefühl war so überwältigend, dass ich anfing zu schwitzen.
Ich bemerkte, dass auch TARAKAN mich heimlich beobachtete. Als unsere Blicke sich trafen, lächelte er und bot mir schweigend eine Zigarette aus seiner Schachtel an. Mir, dem Abdelmagid? Ich stand auf und machte ein paar Schritte in seine Richtung. Und zu wem? Zu TARAKAN? Mit den besten Dankesfloskeln, die mir in diesem Zustand einfielen? Ich, Abdelmagid Ben Mustapha Ben Amor, machte das? Stellen sie sich vor, ich tat es wirklich.
Als ich zu meinem Tisch zurückkam, trank ich den Pilsrest in zwei Schlucken aus und von meiner Lust die Kneipe zu verlassen war keine Spur mehr. Ich fühlte mich auf einmal berauscht und zufrieden. Natürlich vermied ich die ganze Zeit, und das bewusst, ihn anzusehen, ihn, der mir noch immer gegenüber saß. Er war da. Ich weiß, er war da.
Die Bedienung brachte das sechste Pils, das ich sehr bestimmt bestellt hatte. Ich bemerkte zum ersten Mal ihre Schönheit. Sie war nicht nur schön, sie war der Gipfel der Schönheit.
Sie ist ein Wunder der Natur, ein vollkommenes Gedicht, eine überwältigende Melodie, Trällern der Laune. Ein Lichtstrahl. Ein göttliches Geheimnis. Oh Gott, Herr über Orient und Okzident, wie konnten wir, deine verwaisten Sklaven, nur so blind sein, diese Schönheit nicht zu sehen?
Ich blickte zu ihr, lächelte, und das Dankeswort, das ich anbrachte, schien mir in diesem Augenblick wie ein feiner Faden dessen anderes Ende sie in ihren schlanken Fingern hielt, behutsam um ihn nicht zu zerreisen. Sie wickelte ihn um die Finger ihrer linken Hand und blickte nochmals zu mir. Sie versöhnte mich mit einem vergangenen Jahrhundert, meinem bisherigen Dasein. Sie entlastete mich von all den Schmerzen, die ich empfand und die klar zu beschreiben ich unfähig war.
Sie gab mir alle Eigentümer und Urkunden für Länderein, die mein Vater mir nicht überlassen hatte, und sagte nimm. Sie gab mir die besten Noten für meine Aufsätze, die ich so sehr gehasst hatte. Sie entschuldigte sich bei mir. Sie verzieh mir alle meine Sünden, die vergangenen sowie die zukünftigen. Sie beantwortete alle kritischen Fragen über das Geheimnis des Uranfangs. Sie jubelte an der Stelle meiner Mutter, die ich nie gesehen hatte, und ließ zwei Lämmer schlachten wegen meines Abiturs, das ich nie abgeschlossen hatte. Sie tröstete mich. Küsste mich. Streichelte meinen Kopf mit dem Licht ihrer Handflächen.
Streute auf meinen Tisch ihr Lächeln. Dieses Lächeln, dessen Ehrlichkeit, die alten Eisschichten eines halben Jahrhunderts auf meiner Brust schmelzen ließ. Ich fühlte mich frei, meine Füße in der Gebärmutter der Erde, mein Kopf im Himmel bei den Wolken. Ich fühlte mich in der Lage die Sterne zu berühren, sie in meinen Händen zu halten, um sie auf andere Bahnen zu lenken.
Ich ging auf Tarakan zu, ohne Scham, um von ihm eine weitere Zigarette zu erbitten. Er gab sie mir und umarmte mich zärtlich und liebevoll. Fürsorglich, erhaben und brüderlich strahlte er. Er warf mir nichts vor. Gar nichts. Er übersah, dass ich auf meinem Weg zu ihm einen Stuhl umgeworfen hatte. Er akzeptierte mich ohne wenn und aber. Er zündetet mir die Zigarette an, wollte Bläcky beschimpfen, der anfing an mir zu schnuppern. Ich aber bewegte mich und streichelte zum ersten Mal sein schwarzes warmes Fell. Ich spürte durch und durch wie ich neu geboren wurde. Wie mein Herz sich füllte voll Liebe für dieses Geschöpf, dieses Tier, das sich für die Nähe des Menschen entschied. Ich fühlte mich in diesem Moment rein, weit entfernt von all den Vorurteilen über Hunde, die ich in mir trug. Herr Tarakan antwortete mir, dass Bläcky im August drei Jahre alt werde.
Ich spürte die ganze Zeit, dass er mir gegenüber saß und bekämpfte mein Verlangen, ihn anzusehen. Er. Dort. Ich war auch sicher, dass seine Blicke mich verfolgten, so dass ich zweimal stolperte. So stark spürte ich seine Blicke auf mir. Er saß dort und registrierte alles, meine Atemzüge, meine Schritte, meine Gefühlsregungen, einfach alles. Er schälte mich wie eine Orange. Er las mich wie ein offenes Buch. Er segnete mich, unterstützte mich, beschützte mich bei jedem Rückfall, stützte meinen Körper, der kaum noch das Gleichgewicht halten konnte. Zwischen uns die Erde. Zwischen uns nur eine Meile. Er, der in mir wohnte, der all meine Geheimnisse kannte. Der Kommende, der Gehende, der Nahe, der Ferne, der Vertraute, der Verlassende, der Verzeihende, der Einzige, der Mehrer, die Frage, die Antwort, der Konflikt, die Lösung, die Rückkehr, der Bruch, der Gast, das Licht, das Feuer. Alles vereinigend.
Nun fing Jack der Zigeuner wieder an, auf seiner Gitarre zu spielen. Ich sah ihn, mein Gegenüber, wie seine Finger zum Rhythmus auf den Tisch klopften. Zum ersten Mal erschien mir Jacks Musik gar nicht so übel. Für seine Verhältnisse spielte und sang er ganz passabel. Er hatte ja auch nie behauptet ein großer Musiker zu sein. Ich fühlte tausende von Ameisen durch meine Blutgefäße wandern. Beinahe wäre ich gestürzt. Mit letzter Kraft kämpfte ich gegen meinen Körper, der sich nur noch entspannen und gehen lassen wollte. Ich war hin- und hergerissen zwischen meinem Verlangen nach einem neuen Pils und dem Ruf des Bettes. Ich brauchte ihn, den anderen dort.
Ja, ich traue mir das zu. Ich schaue ihm in die Augen. Ich wage es und es wird kommen wie es kommen soll. Das ist meine Chance.
Ich sehnte mich nach einem Gespräch mit ihm.
Er. Nur er kann meine Last tragen. Er, nur er kann mich von der Maske befreien, die seit Ewigkeit mein Gesicht bedeckt. Er ist die Rettung. Er ist meine erste und letzte Chance. Zum Teufel mit der Würde. Zum Teufel mit den Plänen. Zum Teufel mit den Regeln. Ich will leben, will wiedergeboren sein. Ich erzähle ihm von meiner ersten Liebe. Ich schlafe nicht ein. Ich erzähle ihm von Selma, der Nachbarstochter. Diese erste Liebe, die ich ständig leise in mir trage, das Bild, wie sie auf der Dachterrasse die Wäsche aufhängt und wie sie den Eimer blauen Seifenwassers vor die Haustür schüttet. Da wird mir immer schwindelig.
Ich war es, der die Buchstaben ihres Namens in die antiken Steine des Minaretts der Moschee im Altstadtviertel eingravierte, und im Zaun des Gymnasiums sowie an den Fensterrahmen des Kulturhauses.
Ich erzähle ihm von meiner Liebe zu Huyem Younes. Vom parfümierten Honig an ihren vollen Lippen wenn sie singt, davon wie jede Zelle in mir schreit: ‚Allaahu Akbar’, wenn diese Lippen sich bewegen. Und ich erzähle ihm auch – da wird er bestimmt sehr lachen – wie ich ihr einen Brief schrieb und für sie an der Hotelrezeption abgab als sie an einem Sommerfestival in Karthago teilnahm….
Was ist los mit mir? Bei Gott, wie kannst du die Linien zwischen den Details ziehen, wenn dein Herz geschwollen ist wie eine tote Ratte?
Ich kämpfte gegen den Ekel in meinem Hals.
Auch das noch. Dein Hemd wird das meiste abkriegen, Oh Gott! Schande über dich. Du schaffst es nicht mehr bis zur Toilette. Du darfst dich nicht bewegen. Du darfst nicht daran denken. Es ist schon gut… Ist schon gut….
Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, dass die Bedienung sich zu mir beugen würde, mich und den Boden putzen würde.
Ich kämpfe… ich kämpfe….
Ihr Stimme erreichte mich von fern. Ich brauchte unglaubliche Kraft, um meinen Kopf zu heben und mich zu konzentrieren, zu verstehen, warum die Bedienung sauer war.
- Darf ich den Aschenbecher endlich nehmen? Bitte.
- Was… Aschen… was?!
- A SCH E N B E CH E R!, buchstabierte sie.
„Weil wir schließen“, sagte sie noch mal. „Jetzt sofort. Es ist drei Uhr Nacht. Cappito?!“ Wie ein verängstigtes Pferd schaute ich mich mehrmals um. Ich war der einzige Gast in der Kneipe. Tarakan saß noch da, den Kopf auf beide Hände gestützt und warf mir bittere Blicke zu. Niemand außer der Bedienung, Tarakan und mir. Absolut niemand! „ Wir schließen“, wiederholte die Bedienung ungeduldig.
- Ja, ja, … und wo ist der Herr mit der grünen Krawatte, der gegenüber von mir saß?
- Wie bitte?
- Dort. Dort saß er und eine grüne Krawatte hatte er an. Wo ist er?
- Hier war niemand mit einer grünen Krawatte, außer Ihnen.
- Und er?
„Bitte mein Herr“, unterbrach mich Tarakan in schneidendem Ton, „niemand war hier mit Krawatte, weder heute noch sonst irgendwann.“
Ich zahlte und taumelte hinaus.
Es muss ein Irrtum sein. Einen Irrtum muss es gegeben haben. Sie sind doch alle Heuchler. Lügner. Betrüger. Sie konnten es nicht ertragen, mich ein einziges Mal glücklich zu sehen. Das konnten die Hundesöhne nicht ertragen, deswegen lügen sie.
Wieder blickt er mich mit verzerrtem Gesicht an. „Und auch sie werden wie jeder andere denken, dass ich besoffen war oder dass ich nicht wusste, dass es mein Abbild im Spiegel war. Jedenfalls interessiert mich diese Geschichte überhaupt nicht mehr. Es war sowieso vor sehr langer Zeit. Seither bin ich nie wieder in diese billige Kneipe gegangen. Nach jener Nacht wohnte ich dort noch drei weitere Jahre, und um zu vermeiden, dass ich an dieser Kneipe vorbeigehen musste oder auch nur einen von den dummen Eseln zu treffen, die dort verfaulten, benutzte ich bis zu meinem Umzug ausschließlich die hintere Haustür.“


